Lesen mit ADHS: 7 Ideen aus dem echten Familienalltag (und warum du nicht aufgeben solltest)

„Lies doch mal ein bisschen."

Wie oft hast du diesen Satz schon gesagt? Und wie oft kam darauf … nichts?

Bei uns zu Hause gab es genau drei mögliche Antworten: Ignorieren. Das berühmte Side Eye. Oder ein „Ja, ja, später". Und später kam nie.

Mein Vater hat Vincent irgendwann unsere alten Asterix-Hefte mitgebracht, und Vincent hat sie begeistert verschlungen. Dachten wir. Erst viel später haben wir herausgefunden, dass er sich nur die Bilder angeschaut und keinen einzigen Satz gelesen hat. 😅

Wenn du gerade an diesem Punkt bist, an dem du nicht mehr weißt, was du noch versuchen sollst: Ich kenne das Gefühl. Ich habe Ratgeber gelesen und mir Expertentipps angehört. Ehrlich gesagt hat mir davon wenig geholfen. Was bei uns etwas verändert hat, war Ausprobieren, Scheitern, wieder Ausprobieren. Und vor allem: nicht aufgeben.

Deshalb bekommst du hier keine Expertentipps, sondern sieben Ideen aus dem echten Familienalltag. Nicht jede passt zu jedem Kind. Nimm dir einfach, was sich für euch richtig anfühlt.

1. Kleine Etappen statt großer Ziele

„Eine halbe Stunde lesen" klingt für ein Kind mit ADHS wie eine Ewigkeit. „Ein Kapitel" oder „bis zum nächsten Bild" dagegen ist greifbar.

Wenn das Ende in Sicht ist, fällt der Anfang leichter. Und manchmal liest dein Kind danach sogar freiwillig weiter.

2. Einen Leseplatz finden, der sich gut anfühlt

Es muss keine perfekte Leseecke sein. Hauptsache, der Platz lenkt wenig ab: kein Tablet in Reichweite, kein Geschwisterkind, das nebenan Lärm macht.

Ob dein Kind auf dem Boden liegt, im Sitzsack versinkt oder sich unter dem Tisch verkriecht: völlig egal. Wenn es liest, ist es der richtige Platz.

3. Bewegung erlauben

Ich weiß, wie schwer es ist, nicht „Jetzt sitz doch mal still!" zu sagen. Aber viele Kinder mit ADHS können sich besser konzentrieren, wenn ihr Körper sich bewegen darf. Wippen, ein Knetball in der Hand, im Stehen lesen: Was für uns unruhig aussieht, hilft ihrem Kopf beim Fokussieren.

Frag dein Kind lieber: „Wie kannst du am besten lesen?" Die Antwort überrascht dich vielleicht.

4. Lesen an etwas Bestehendes koppeln

Neue Gewohnheiten halten besser, wenn sie an etwas Vertrautes andocken. Zum Beispiel:

  • nach dem Abendessen ein Kapitel
  • im Bett, bevor das Licht ausgeht
  • im Wartezimmer oder auf der Autofahrt (als Beifahrer 😉)

Dann musst du nicht jeden Tag neu darum kämpfen. Lesen gehört einfach dazu.

5. Gemeinsam lesen

Das war bei uns der Wendepunkt. Meine Jungs haben es geliebt, wenn ich vorgelesen habe, und je nach Alter haben sie ganze Reihen wie Beast Quest regelrecht verschluckt.

Irgendwann haben wir mit dem verteilten Lesen angefangen: Jeder liest eine Seite. Am Anfang habe ich mehrere Seiten übernommen und die Jungs jeweils eine. So bleibt die Geschichte im Fluss, und niemand muss sich allein durch eine ganze Seitenwüste kämpfen. Am schönsten war das abends vor dem Einschlafen.

Und glaub mir: Auch ältere Kinder genießen das mehr, als sie je zugeben würden.

6. Das richtige Buch wählen, nicht das „wertvollste"

Ein Buch, das zu lang ist, zu klein gedruckt oder in altmodischer Sprache geschrieben, kann selbst die spannendste Geschichte versperren. Achte lieber auf:

  • kurze Kapitel
  • übersichtliche Seiten mit Absätzen und Luft
  • eine Geschichte, die schnell Fahrt aufnimmt
  • Bilder als kleine Verschnaufpausen

Mehr dazu findest du im Beitrag Mein Kind liest ungern – welches Buch könnte trotzdem funktionieren?

7. Fortschritt sichtbar machen

Ein Lesezeichen, das von Kapitel zu Kapitel wandert. Eine Liste zum Abhaken. Ein Aufkleber pro geschafftem Abschnitt. Wenn das Ende des Buches noch weit weg ist, hilft es enorm zu sehen, wie viel man schon geschafft hat.

Es geht dabei nicht um Belohnung, sondern um dieses gute Gefühl: Ich kann das ja doch.

🧭 Tipp: Genau dafür habe ich das Logbuch der Reise gestaltet, einen kostenlosen Lesepass zur Schatzinsel. Auf einer Seekarte streicht dein Kind jedes gelesene Kapitel ab, nach jedem Teil gibt es einen „Anteil an der Beute", und am Ende steht der letzte Eintrag: Schatz geborgen. Hier kannst du den Lesepass kostenlos herunterladen.

Warum ich die Schatzinsel neu erzählt habe

Aus all diesen Erfahrungen ist meine Ausgabe von Die Schatzinsel entstanden. Ich wollte ein Buch, das ich selbst gelesen habe und wirklich packend finde, mit Figuren, die spannend genug sind, um sich lange mit ihnen zu beschäftigen. Gleichzeitig sollte es eine Geschichte sein, die meine Jungs noch nicht kannten und in der alten Fassung nie freiwillig gelesen hätten. Da gab es einige Kandidaten, aber die Schatzinsel hat mich am meisten gepackt.

Jetzt gibt es sie mit kurzen Kapiteln, moderner Sprache, großer Schrift, Illustrationen und sichtbaren Leseetappen. So wird aus einem dicken Klassiker eine Reihe kleiner, schaffbarer Abenteuer. Und mit dem Lesepass siehst du und sieht dein Kind jede geschaffte Etappe. (Die Schatzinsel bleibt übrigens nicht die einzige: Weitere Bücher sind schon in Arbeit. 😉)

Zum Mitnehmen: Bleib dran

Wenn du nur eine Sache aus diesem Beitrag mitnimmst, dann diese: Gib nicht auf.

Es wird Tage geben, an denen nichts klappt. Ideen, die bei anderen funktionieren und bei euch nicht. Momente, in denen du denkst, dass Lesen in eurer Familie einfach nicht stattfindet. Das ist normal. Bei uns war es ein langer Weg aus Ausprobieren, Scheitern und Weitermachen. Und genau diese Hartnäckigkeit hat am Ende den Unterschied gemacht.

Fang mit einer einzigen Idee an. Welche davon passt am besten zu euch?

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Weiterlesen: Warum kurze Kapitel Kindern mit ADHS beim Lesen helfen können

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